Minimalismus nicht länger Trend! Verzicht wird überlebensnotwendig!

Ich finde es einigermaßen unerträglich, dass der Minimalismus, auch seitens der Medien, viel zu häufig noch als Trendthema behandelt und der als Minimalist in Erscheinung tretende Protagonist in seinen Bestrebungen, Ideen und Ansichten eher belächelt als bejubelt wird. Dabei geht es längst nicht mehr nur darum möglichst wenig Musik-CDs, DVDs, Bücher, Klamotten oder sonst was zu haben. Viel mehr geht es um Ursache und Wirkung. Darum, durch Verzicht an den Stellschrauben des großen Gerechtigkeitsdefizits dieses Planeten zu drehen und das Ungleichgewicht ein wenig mehr in Waage zu bringen.

Schon lange brennt mir dieser Artikel auf der Seele, aber mir fehlte bislang der Mut zu einer deutlichen Stellungnahme. Kürzlich las ich jedoch ein Buch, dass mich zu gleichen Anteilen begeistert, aber auch schockiert hat. Dies nehme ich jetzt zum Anlass diesen Artikel voranzutreiben. Zu besagter Lektüre später mehr.

Die dringende Notwendigkeit von Verzicht

In Zeiten von Anschlägen, Flüchtlingsströmen, Klimakatastrophen und vieler anderer schlimmer Ereignisse sind wir voll von Beschwerde und Entsetzen über eben genau diese Dinge, ohne uns bewusst zu machen, dass eigentlich der Nichtverzicht unserer überreichen Gesellschaft hierfür die Verantwortung zu tragen hat. Im folgenden starte ich den Versuch, möglichst vereinfacht, zwei beispielhafte Zusammenhänge aufzuschlüsseln.


Fall 1

Unsere Smartphones beinhalten wertvolle und seltene Komponenten, die überwiegend im afrikanischen Kongo beschafft werden. Kobalt und Coltan sind bspw. wichtige Bestandteile unserer hochmodernen Handys. Von Kinderhänden in primitiven Minen mit bloßen Händen ausgegraben, wird der Rohstoff später an chinesische Produktionsfirmen geliefert. Die Erträge der Minen dienen den afrikanischen Warlords zur Finanzierung der Folgekonflikte des Bürgerkriegs. Kämpfe um Minen bestimmen den Alltag in den Abbaugebieten. Mehr dazu findest du u.a. hier…

Menschen flüchten aus Kriegsgebieten, wenn sie können. Und sie flüchten dahin, wo sie keinen Krieg vermuten, wenn sie können. Und manche schaffen es bis zu uns, also in die Länder, die maßgeblich daran beteiligt sind, dass diese Flüchtlinge keine Heimat mehr haben. Verzicht kann das beeinflussen. Muss es wirklich im zwei-Jahres-Takt das beste und hochentwickelste Highend-Smartphone im 4-stelligen Kostenbereich sein? Um dann was damit zu tun? Whatsappen? Facebooken? Bilder knipsen? Twittern? Ach ja, Telefonieren? Dieser Nichtverzicht führt zu Flüchtenden und finanziert Kriegsgebiete.

Fall 2

Öl und Erdgas sorgen seit Jahrzehnten für Krisenherde und Kriegsschauplätze – insbesondere im Nahen Osten. Auch der Syrienkrieg ist primär ein Rohstoffkrieg. Wer den Medien hier nach wie vor religiöse Beweggründe abnimmt, der recherchiert bitte folgenden Artikel in der Wirtschaftswoche! Und trotzdem wir täglich mit den brutalen Ereignissen – tausende Kilometer entfernt – konfrontiert werden, konsumieren wir weiterhin Plastiktüten und andere Kunststoffe wo es nur geht, fahren viele unnötige(!) Kilometer Auto und erdreisten uns sogar zu unserem puren Vergnügen in den Urlaub zu fliegen.

Jährlich verkraftet unser Planet über 30 Millionen Flüge. Das bedeutet den Verbrauch von über 1 Milliarde Liter Kerosin. Auf einem Flug von London nach Sydney werden pro Person 5 Tonnen CO2 ausgestoßen. (Mehr Zahlen und Fakten auf Wireless Life). Der Wohlstand und der Luxus den wir uns erdreisten ist, sicherlich nicht ausschließlich, aber mitverantwortlich für so manchen Kriegsschauplatz und die daraus resultierenden Flüchtlingsströme. Verzicht kann zur Regulierung dieser Umstände beitragen. Warum in 2017 nicht mal ins schöne Bayern fahren, oder die Ostseeküste besuchen? Die Alpen zu Fuß überqueren oder Teile des Nordseeküstenradwegs erkunden? Auch das Bereisen angrenzender Länder per PKW hinterlässt einen deutlich besseren ökologischen Fußabdruck als der Flug in die DomRep oder nach Malle.

Es gibt sicher noch viele weitere Kausalketten. Die Überproduktion von Billigfleisch aus Massentierhaltung und dessen Vertrieb in die Entwicklungsländer bspw. Schreibt mir gerne weitere Kausalketten in die Kommentare oder verlinkt eure eigenen Blogbeiträge.

Was tun?

Zunächst einmal benötigen wir Weitsicht. Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umschaue, dann habe ich den Eindruck, dass sich die wenigstens Gedanken um diese Themen machen, wofür ich durchaus auch Verständnis habe. Die Erkenntnis darüber, selbst Mitverursacher zu sein lähmt und kann schnell zu einer handlungsunfähigen Ohnmacht führen. Es ist belastend sich mit globalen Konfliktsituationen auseinanderzusetzen, weil man sie auf Anhieb nicht lösen können wird. Oft frage ich mich, ob die Leute wirklich nicht informiert sind, oder ob sie einfach nicht informiert sein wollen. Aus Angst die eigene Komfortzone zu sehr einschränken oder verlassen zu müssen.

Aber vielleicht ist genau diese Angst unbegründet. Wir brauchen Erfinder, die Produkte kreieren, die Verzicht gepaart mit gleichbleibendem Wohlstand, dann aber für alle(!), ermöglichen. Für mich ist das Tiny Living-Prinzip dbzgl. immer wieder ein Vorzeigebeispiel. Eingeschränktes aber dennoch komfortables Wohnen ist für einen Bruchteil dessen möglich, wie es jeder von uns heutzutage betreibt.

Darüber hinaus glaube ich, dass wir informiert sein müssen. Lieber abends mal die Flimmerkiste auslassen, sich nicht berieseln und stattdessen Hintergrundinformationen (siehe die Links aus den Kausalketten) recherchieren. Dinge verstehen, Zusammenhänge analysieren, nicht alles Vorgekaute übernehmen und glauben. Und wenn wir neue Erkenntnisse gewonnen haben, sollten wir sie im Freundes- und Verwandtenkreis teilen und diskutieren. Hier können wertvolle Ideen zu Projekten entstehen, die die Welt ein Stück weit verändern können.

Beweisführung anhand des Fußabdrucks

Hier das Ergebnis meines ökologischen Fußabdrucks. Gerade durchgeführt bei footprint-deutschland.de. „Dein ökologischer Fußabdruck ist 5.39 Hektar. Ein fairer Fußabdruck soll aber nur 1.8 Hektar groß sein. Denn wenn alle deinen Lebensstil haben, benötigen wir 2.99 Erden.“ Mir ist aber bewusst, dass wir nur diesen einen Planeten haben. Und ich kann nur schlecht mit Strategien wie ‚Nach mir die Sintflut‘ leben. Denn ich habe Kinder, die auch nach dem Jahr 2052 (dem prognostiziertem Ende der irdischen Ölvorkommen) noch Freude am Leben auf diesem Planeten haben sollen. An dieser Stelle möchte ich das ‚überlebensnotwendig‘ aus der Headline aufgreifen, denn hier wird deutlich, dass ich mehr reduzieren, noch minimalistischer werden und weiterhin an meinem Verzicht arbeiten muss, um meinen Fußabdruck zu verkleinern.

Ein weiterer Lösungsansatz: Das bedingungslose Grundeinkommen

Wie schon erwähnt: Wir brauchen Ideen und Lösungen. Dazu sind Menschen erforderlich, die sich diese Ideen und Lösungen ausdenken. Aber die meisten Menschen, die dieses Potential mitbringen, sind bereits in ihren ganz persönlichen Kontexten überlastet und haben nicht den Raum ihre Kreativität zu entfalten. Hier kann das bedingungslose Grundeinkommen für Entlastung sorgen und unbedingt benötigte Ressourcen freischaufeln.

Konsequenzen für mein Christsein

Als Christ darf ich wissen, dass wir in einer gefallenen Welt leben. Jesus hat versprochen, dass er wiederkommen und nicht nur uns, sondern die gesamte Schöpfung erlösen wird. Das schenkt mir Hoffnung und Zuversicht, gibt mir aber meiner Meinung nach nicht das Recht, die Hände in den Schoß zu legen und das Ende abzuwarten. Wir tragen dennoch Verantwortung. Als Christen sollten wir uns einmal mehr bewusst machen, dass wir unser Vergnügen auf Kosten anderer Ausleben.

Mein Pizza-Mann

…gönnt sich in der Winterpause einen stolzen Urlaub. Flug nach DomRep mit anschließender Kreuzfahrt durch die Karibik. Das ist so mit das ignoranteste und menschenunwürdigste was man heutzutage tun kann. Aber ich glaube, er ist sich dessen einfach nicht bewusst und es tut mir leid, aber ich weiß nicht, wie ich ihm das anders näherbringen kann, als ihn bei der Finanzierung dieser Urlaube zukünftig nicht mehr zu unterstützen. Der Flug alleine… Dann die Kreuzfahrt… Kreuzfahrtschiffe mit tausenden von Passagieren produzieren Unmengen an Müll, die weder verbrannt, noch getrennt, sondern einfach mit einer riesigen, an Board befindlichen Müllpresse ins Meer gedrückt werden. Dann die Dominikanische Republik. Eine Insel, zwei Welten. Sterbende Kinder und feudales Strandleben liegen nur wenige Kilometer auseinander.

Die erwähnte Lektüre

Während des Schreibens habe ich mir überlegt, dass ich sie vorerst nicht nenne, sondern demjenigen der errät welches Stück Unterhaltungsliteratur diesen Artikel mit inspiriert hat, einen Buch7-Gutschein schenke. Die Auflösung folgt dann in ein paar Tagen.

Fazit

Ich wollte mir immer mal Kanada oder auch Alaska anschauen. Aber als ich vor ein paar Jahren verstanden habe, dass ein Flug dahin eine kleine ökologische Katastrophe zur Folge hat, habe ich diesen Traum verschoben. Ja! Nicht gestrichen, verschoben. Es geht nicht darum Spaß und Vergnügen vollends zu streichen. Es geht darum Lösungen oder Alternativen zu finden, die dieses Vergnügen wieder ermöglichen ohne dadurch an anderer Stelle diesen imensen Schaden auszulösen. Es gibt zahlreiche Beispiele für nahezu emissionsfreies Umdieweltreisen. Verzicht ist also gar nicht mal unbedingt immer der einzige Ausweg. Aber es ist eine einfache und konsequente Entscheidung. Bin ich nicht bereit zu verzichten, ist es wichtig die richtigen Alternativen zu finden und anzuwenden.

2 Comments

  1. Hallo, ich weiß zwar nicht, welches Buch Du gelesen hast 🙂 Aber ich wollte Dir gerne meine Meinung zu diesem Thema schreiben. Ich habe selbst auch ein Kind und es ist mir ebenfalls wichtig, in welcher Welt mein Kind später leben wird. Ich finde es jedoch teilweise so unendlich komplex herauszufinden, was das Richtige ist. Was soll man tun? Wie soll man entscheiden? Es gibt so viele Dinge zu berücksichtigen, selbst bei einfachen Einkaufsentscheidungen (zB Lebensmittel, Alltagseinkäufe) bin ich teilweise schlicht überfragt, was jetzt die ökologisch und sozial (und vielleicht noch gesundheitlich) vernünftigste Entscheidung ist. Und das frustriert und stresst mich! Und manchmal hab ich dann einfach nicht die Energie, mich mit den Dingen auseinander zu setzen. Was mich wiederum frustriert. Ich habe bestimmte Produkte, mit denen ich mich auseinander gesetzt habe, und die ich nun bewusst kaufe (im Haushalt zB Kaffee, Reis, Bananen, Putzmittel, Waschmittel). Aber in der Masse der Kaufentscheidungen scheint mir das oft nur ein Tropfen auf dem heißen Stein…
    Viele Grüße Alexa

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    • Hallo Alexa, vielen Dank für dein Feedback. Mir geht es da ähnlich. Ich glaube viele Menschen empfinden in Anbetracht dieser erschreckenden weltpolitischen oder klimatechnischen Zusammenhänge Verzweiflung, Ohnmacht, Handlungsunfähigkeit. Ein Einzelner wird den Lauf der Dinge auch nicht umkehren können. Aber setzt man sich mit diesen Themen auseinander, handelt man glaube ich automatisch ein bisschen bewusster/bedachter. Und darauf kommt es glaube ich an. Es selbst ein bisschen besser machen als der Durchschnitt, andere (falls sich Gelegenheiten ergeben) auf diese Missstände hinweisen, das kann schon viel bewirken. Keiner wird das perfekt hinkriegen. Diesen Anspruch sollten wir auch nicht an uns stellen.

      Ich habe echt Bekannte, die sich gerade in ein Flugzeug setzen, in die Karibik fliegen und dort eine Kreuzfahrt starten. Ganz frech habe ich ihnen vorgestern als Urlaubslektüre von Fitzek den Passagier 23 mitgegeben. Ich hoffe, dass wird deren letzte Kreuzfahrt. Und es ist mir auch egal, wenn wir nach der Lektüre nicht mehr so gut miteinander bekannt sind. 😉

      Inspiration für den obigen Artikel lieferte Fitzeks Ökothriller Noah.

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